Startseite
 

Jan Decker
Bestie Angerstein
Hörspiel
 
Neben dem Fall des Massenmörders Fritz Haarmann gehört der Fall des Fritz Angerstein aus Haiger bei Siegen zu den meistdiskutierten Kriminalfällen der Weimarer Republik. Angerstein brachte am 1. Dezember 1924 seine Familie und vier Hausangestellte um, ein achtfacher Mord binnen eines Tages. Da der Täter keinerlei Motiv angeben konnte, wurde der Gerichtsprozess in dieser erweiterten Familientragödie, die in vielerlei Hinsicht heutigen Amokläufen gleicht, nicht nur zu einem Schaulaufen verschiedener damals konkurrierender Erklärungsmodelle in Presse und Justiz, sondern geradezu zu einem Emblem jener Zeit: "Angersteins Verbrechen ist das unsrige", lautete der Kommentar von Paul Schlesinger, prominentester Gerichtsreporter der Weimarer Republik, der im Gerichtssaal in Limburg an der Lahn anwesend war. Angerstein selbst, der Geschäftsführer eines Kalkwerks, ein wohlsituierter Mann, gab nach seiner Festnahme an, weder er noch die anderen würden ihn wirklich kennen. Wer war dieser Angerstein: eine blutrünstige Bestie oder ein in unruhigen Zeiten irregeleiteter Normalbürger? Die komplizierte Beziehung zu seiner kranken Frau, die er aufopferungsvoll pflegte, die Boshaftigkeiten seiner Schwiegermutter, die im selben Haus wohnte  das alles schienen wahrlich nur schwache Motive für seine Tat zu sein. Und so prägte der zweite prominente Prozessbeobachter Siegfried Kracauer in der "Frankfurter Zeitung" das Wort von der "Tat ohne Täter". Durch den psychologischen Gutachter in diesem Fall, Richard Herbertz, auch Doktorvater von Walter Benjamin, kam in der deutschen Gerichtspraxis dann erstmals der Begriff des "Es" zur Anwendung, ein psychoanalytischer Terminus, eine außerhalb unserer Bewusstseinszonen operierende Instanz also, die Angerstein zu seiner Tat verleitet hätte. Aber reicht diese Deutung aus?

Regie: Iris Drögekamp
Mit: N. N.
Produktion: SWR 2019
Länge: [...]
 
Sendungen
US SWR2 22.2.2019
 
Rechte
Jan Decker